Ganz wie in Amerika

Ganz wie in Amerika

Okay, das wird heute ein motziger Blog.  Wer also keine Lust auf Motzen hat, sollte den besser nicht lesen oder eben mit genug Abstand lesen, um nicht schlechte Laune zu bekommen.  Ich hab eigentlich gar keine schlechte Laune – aber es sind mir doch in der letzten Zeit hier in Konstanz immer wieder Dinge aufgefallen von denen ich nicht vor ein paar Jahren gesagt hätte “das gibt es hier doch nicht, das ist ja ganz wie in Amerika”.

Ganz wie in Amerika: Hose auf Halbmast

Also ich fang jetzt gleich mal mit den schlimmsten Sünden an.  Heute war in der Stadt, brauchte Nagellack für die Zehen, um heute Abend mindestens ein bisschen repräsentable auszusehen, wenn ich die Eltern zu einem Empfang begleite.  Da meine Beine noch von einem Sturz bei der Besteigung des Volcano verkratzt sind und meine Waden ohnehin was von einem Profiradler haben dachte ich so ein kleiner femininer Touch könnte nicht schaden.  Tut aber nichts zur Sache.  Ich schlendere also Richtung Laden und was fällt mir unangenehmst ins Auge: eine Jeans auf Halbmast, Markenunterhose schaut oben raus und noch mehr, nämlich ein ziemlich alberner Unterhosenstoff mit Kindermotiven.  Es handelte sich bei dem geschmacksverirrten Träger allerdings keinesfalls um ein Kind, auch nicht um einen der jugendlichen Ghetto-Kids, an denen man diese “Mode”  in den USA sieht, sondern um einen Familienvater mit Kind auf der Schulter. Echt jetzt? Ich weiss nicht, wem er glaubt damit was beweisen zu müssen, dass er sein Unterhose zur Schau stellt. Bei den 15-jährigen in den schlechten Teile Oaklands ist es schon schlimm genug, wenn sie so rumlaufen, aber ein Konstanzer Familienvater mit Kleinkind??

Ganz wie in Amerika: Mit einem ATV durch’s Dorf Brettern
Ganz wie in Amerika
Erfüllt dieses Teil irgendeinen nützlichen Zweck? Bildquelle

Bei uns heissen die Dinger ATVs – all terrain vehicles – also Vehikel für jedes Terrain und hier anscheinend Quads.  Wie auch immer sie heissen, es sind blöde, laute Dinger von denen mir nicht klar ist, ob sie überhaupt irgendeine legitime Anwendung haben.  Über irgendwelche Strände oder Berge zu donnern, die Vegetation zu zerstören und die Ruhe für alle anderen zu zerfetzen ist zumindest für mich kein legitimer Zweck.  Ich weiss jetzt ehrlich nicht, ob es schlimmer ist damit durchs Gelände zu brettern, das ist zerstörerisch, oder die Dorfstraße langzudonnern, was nur einfach saublöd ist.  Das ist eines der Dinge bei denen ich mich frage “wieso, weshalb, warum tut ein Mensch sowas, wieso kauft sich einer so ein Teil – was ja sicher nicht billig ist – und fährt damit am Sonntagmorgen die Hauptstrasse hoch und runter?” Ich habe bislang keine Antwort auf diese existentielle Frage gefunden.  Bislang war ich hier in Deutschland davon verschont geblieben sie mir stellen zu müssen – das heisst bis diese Woche, in der ich drei dieser Dinger gesehen habe.  Das letzte tatsächlich am Sonntag Morgen in einem der eingemeindeten Dörfer hier.  Abartig.  Wenn mir jemand erklären kann, was das soll, wäre ich dankbar. Ich möchte aber gleich dazu sagen sowas wie “das ist voll geil” zählt nicht als Erklärung.

Ganz wie in Amerika: jeder nraucht noch ein groesseres Auto
Ganz wie in Amerika
Solche Monster hab ich bislang in Deutschland noch nicht gesehen. Kommt sicher noch. Bild: Stocksnap.io

Dass das Auto des Deutschen liebstes Kind ist, ist ein alter Spruch, der allerdings immer noch wahr ist, wenn an der Automobilwoche glauben schenken darf. Nun sind ganz wie in Amerika die liebsten Kinder auch hier um einiges fetter geworden. Man sieht immer mehr aufgeblasene SUVs und “supersized” Versionen.  Meine Freundin beschwerte sich neulich, dass sie eigentlich den gleichen Wagen, wie den, den ihr jemand kaputt gefahren hat, wieder haben wollte, aber den gibt es zumindest neu dieser Tage nur noch deutlich länger und breiter.  Dabei war die alte Größe für eine Familie von drei in den engen Strassen von Konstanz und Umgebung durchaus ausreichend. Immer öfter sehe ich Autos, die zwei Parkplätze brauchen, obwohl sie nicht idiotische geparkt worden sind, sondern weil sie schlicht nicht mehr in einen normalen Parkplatz hineinpassen (hier ein kurzer Artikel zum Thema “Mittelparken” und der rechtlichen Situation).  Ich fürchte mein kleiner Golf, den ich in den USA schon mehrere Male gestohlen glaubte, einfach weil er zwischen den Ungetümen nicht zu sehen war, würde mittlerweile auch hier schwer zu finden sein.   Ich weiss nicht, warum Autos so wichtig fürs Ego sind (der Artikel oben hat auch ganz interessante Info zu dem Thema) aber irgendwie fragt man sich da schon, wo eigentlich die Vernunft bliebt. Auf 5-spurigen amerikanischen Autobahnen und Parkplätzen, die größer sind als ganze Sportstadien hier kann man so ein Monster ja noch einigermassen gut fahren und parken – wenn man denn unbedingt will – aber hier durch die engen Strassen alter Städte fahren und auf badetuchegrossen Parkplätzen aus alten Zeiten parken ist doch nur doof und stressig. Und wozu?  damit man beim Einkaufstrip für ein Viertelstündchen großzügiger im Auto sitzen kann? Ich weiss, dass ich mir mit solchen Ansichten keine Freunde mache, liebstes Kind der Deutschen und so, ist aber auch Wurscht, ich versteh das nicht – weder hüben noch drüben.

Und irgendwie finde ich auch, das man ja nicht jeden Blödsinn, der aus Amerika kommt, mitmachen muss.

 

SaveSave

SaveSave